Wenn die Sehnsucht entgleist
Was es mit dem Verlangen macht. Wollen gegen Mögen – und warum kein Ersatz den Hunger stillt.
Es ist elf, Sarah ist wach, und die Wohnung ist zu still. Tagsüber war sie brillant: ein Kampagnentermin, zwei Telefonate, ein kurzes Video, das schon nach einer Stunde besser lief als das letzte. Jetzt steht sie in der Küche und weiß nicht recht, wie sie hierhergekommen ist.
Das zweite Glas Wein ist eingeschenkt, ohne dass sie sich an das erste erinnert. Die linke Hand hält das Glas, der rechte Daumen wischt über das Display – ein Gesicht, ein Strand, ein Paar, das so lacht, wie man nur lacht, wenn jemand danebensteht, der einen wirklich meint. Zwischendurch, ganz nebenbei, öffnet sie den Kühlschrank. Sie war nicht hungrig. Sie ist es immer noch nicht. Trotzdem steht sie da, den Blick auf der angebrochenen Schokolade, und etwas in ihr sagt: nur ein Stück, dann ist gut.
Es wird nicht gut. Das weiß sie schon, während sie es denkt. Morgen früh wird sie einen Sonnenaufgang posten, mit einem klugen Satz darüber, wie wichtig es sei, gut zu sich selbst zu sein. Heute Nacht füllt sie ein Loch, das sich nicht füllen lässt – mit Wein, mit Zucker, mit dem endlosen Daumen nach oben.
Der Auszug ist der Anfang des Kapitels im aktuellen Arbeitsstand.
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