Leseprobe · 1.531 Wörter · etwa 8 Minuten

Vorwort

Der Anfang des Buches, vollständig. Sie können ihn auch hören.

Hörprobe: das Vorwort

Gelesen von Andreas Matthis · 24 Minuten

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Gründlich.

Ihre Eltern ebenfalls. Und deren Eltern. Ihre Großeltern, Urgroßeltern und all die Generationen davor, deren Stimmen bis heute in Ihnen weitersprechen.

Arm oder reich schützt davor nicht. Die Botschaft wechselt ihre Worte. Ihr Inhalt bleibt:

Sie müssen sich Ihren Platz unter den Menschen verdienen.

Leisten Sie etwas, dann sind Sie etwas. Passen Sie sich an, dann gehören Sie dazu. Fallen Sie niemandem zur Last, dann dürfen Sie bleiben.

Und wenn dieses Leben Sie erschöpft, wenn Sie trotz aller Anstrengung keine Ruhe finden oder sich mitten unter Menschen einsam fühlen, muss der Fehler bei Ihnen liegen.

So lautet die Geschichte, die man Ihnen über Sie selbst erzählt hat.

Sie ist falsch.

Die meisten Menschen haben sie nicht aus Bosheit weitergegeben. Sie wollten ihre Kinder auf das Leben vorbereiten und brachten ihnen deshalb bei, was sie selbst für das Leben hielten.

Im zwanzigsten Jahrhundert wurde aus dieser alten Unsicherheit ein System. Frederick Taylor machte menschliche Arbeit bis in die einzelne Bewegung messbar. Edward Bernays machte aus dem Wissen seines Onkels Sigmund Freud über das Unbewusste ein Werkzeug der Massenbeeinflussung. Keiner von beiden erfand den bedingten Selbstwert. Aber beide halfen, eine Welt zu bauen, in der er sich nutzen ließ: für Leistung, für Konsum, für Gefolgschaft.

Die Täuschung wurde vererbt – und sie wurde genutzt.

So wurde aus einer Vorstellung Erziehung. Aus Erziehung wurde Gewohnheit. Und aus Gewohnheit entstand eine Stimme, die heute mit Ihrer eigenen Stimme spricht:

Reiß dich zusammen.

Mach mehr aus dir.

Enttäusche niemanden.

Jede Gefangenschaft beginnt mit einem Satz.

Dieser lautet:

So, wie Sie sind, ist Ihr Platz nicht sicher.

Ein Kind kommt nicht mit der Frage auf die Welt, was es einmal leisten wird. Es kennt keine Noten, kein Geld und keinen Erfolg. Es sucht ein Gesicht. Einen Blick, der antwortet. Eine Hand, die bleibt.

Lange bevor es seinen Namen kennt, liest sein fühlendes Wesen im Gesicht eines anderen die älteste Botschaft des Lebens:

Du bist nicht allein.

Du gehörst zu uns.

Du darfst bleiben.

Doch dann verändert sich etwas. Die Wärme wird stärker, wenn das Kind lieb ist. Der Blick kühler, wenn es stört. Anerkennung kommt, wenn die Note stimmt, das Zimmer aufgeräumt ist oder die Tränen schnell verschwinden.

Das Kind kann diese Bedingungen nicht ablehnen. Es braucht die Menschen, die sie stellen. Also verändert es nicht die Bedingung. Es verändert sich selbst.

Es schluckt seine Wut. Versteckt seine Angst. Dämpft seine Lebendigkeit. Es beobachtet die Gesichter im Raum und wird zu dem Kind, das seinen Platz am sichersten halten kann.

Nicht weil es schwach ist.

Weil es gar nicht anders kann.

Wer Zugehörigkeit nur unter Bedingungen erhält, bekommt kein Zuhause, sondern Bewährung.

Zu Hause wird die Bedingung angelegt. In der Schule bekommt sie eine Zahl. Im Berufsleben einen Preis.

Und irgendwann sind Sie erwachsen und üben neben Ihrem sichtbaren Beruf noch einen zweiten aus. Unbezahlt. Ohne Feierabend.

Sie prüfen einen Satz, bevor Sie ihn aussprechen. Sie sagen Ja, während in Ihnen alles Nein ruft. Sie spielen eine Rolle, die anderen gefällt, und hoffen, dass niemand bemerkt, wie müde der Mensch darin geworden ist.

Vielleicht nennen Sie das Rücksicht, Vernunft oder Professionalität. Manchmal ist es das. Oft ist es die alte Frage:

Bin ich noch richtig?

Bin ich noch erwünscht?

Darf ich bleiben?

Die Psychologinnen Jolene Haines und Nicola Schutte fassten die Forschung über bedingte elterliche Zuwendung zusammen. Über 31 Stichproben hinweg zeigte sich derselbe Zusammenhang: Je stärker Zuwendung von erfüllten Erwartungen abhing, desto stärker schwankte der Selbstwert mit der eigenen Leistung. Innerer Zwang und depressive Beschwerden fielen höher aus, das Erleben von Verbundenheit geringer. Selbst zusätzliches Lob für erwünschtes Verhalten konnte den inneren Druck verstärken.

Der äußere Aufseher wird irgendwann nicht mehr gebraucht. Das Kind hat gelernt, sich selbst zu bewachen.

Diese Bewährung findet nicht nur in Gedanken statt. Der Körper führt sie wirklich.

Die Psychologinnen Sally Dickerson und Margaret Kemeny werteten insgesamt 208 Laborstudien aus. Cortisol, das wichtigste Stresshormon, stieg besonders stark, wenn Menschen vor anderen bestehen mussten und den Ausgang nicht in der Hand hatten.

Für eine kurze Gefahr ist diese Reaktion ein Meisterwerk. Wird aus der Prüfung ein Leben, wird aus dem Meisterwerk eine Belastung.

Die Gefahr sitzt heute im Postfach, im Blick des Vorgesetzten und im Schweigen eines Menschen, von dem Sie nicht wissen, ob Sie ihm noch wichtig sind. Sie liegt abends mit im Bett und wartet morgens bereits neben dem Wecker.

Und wenn ein Mensch unter diesem Verfahren krank wird, tun wir etwas Ungeheuerliches:

Wir diagnostizieren den Angeklagten – und sprechen das Gericht frei.

Wir behandeln seine Angst, seine Erschöpfung und seinen Blutdruck. Wir helfen ihm, wieder zu funktionieren, und schicken ihn zurück in dieselben Bedingungen, unter denen sein Körper in Alarm geraten ist.

Danach nennen wir das Heilung.

Verstehen Sie mich richtig: Eine Meditation kann beruhigen. Ein gutes Coaching kann einen Menschen weiterbringen. Eine Atemtechnik kann verhindern, dass Sie jemanden anschreien, den Sie gerade für einen Idioten halten.

Nur löst die Atemtechnik nicht die Überzeugung, dass vor Ihnen ein Idiot sitzt.

Genau dort liegt der blinde Fleck eines großen Teils der Selbsthilfe. Sie setzt die Welt, an die Sie sich anpassen sollen, als richtig voraus – und arbeitet dann an Ihnen.

Sie sollen resilienter werden, damit Sie mehr Druck aushalten. Achtsamer, damit Sie Ihre Überforderung ruhiger beobachten. Disziplinierter, damit Sie noch zuverlässiger gegen sich selbst arbeiten.

Das ist keine Selbsthilfe.

Das ist Käfig-Insassen-Optimierung.

Sie lernen, die Zelle besser zu lüften. Dieses Buch fragt, warum Sie darin sitzen.

Und selbst wenn Sie darin einen sicheren Platz gefunden haben, bleibt eine zweite Frage: Zählt nur, was Sie leisten – oder zählt, dass Sie da sind?

Dazugehören heißt: Sie dürfen da sein. Von Bedeutung sein heißt: Es macht einen Unterschied, dass Sie da sind. Benutzt zu werden heißt: Sie dürfen bleiben, solange Sie funktionieren.

Eine Firma kann Ihre Leistung brauchen, ohne Sie als Menschen zu meinen. Dann wird Ihre Funktion gebraucht – nicht Sie.

Denn die meisten Menschen wollen nicht wirklich die Position, das Geld oder den Applaus. Sie wollen, was all das angeblich beweist:

Jetzt bin ich wichtig.

Jetzt sieht man mich.

Jetzt kann mich niemand mehr übergehen.

Doch der Zweifel bleibt. Er zieht nur in größere Räume.

Darum kann ein Mensch fast alles erreicht haben und trotzdem nicht wissen, wer ihn liebt – und wer nur seine Möglichkeiten liebt. Solange er Türen öffnen, Aufträge vergeben oder Einfluss gewähren kann, ist er von Menschen umgeben. Fällt die Rolle, wird der Kreis erstaunlich schnell kleiner.

Er steht nicht außerhalb des Gefängnisses.

Er besitzt darin nur die Zelle mit der besten Aussicht.

Und nun geschieht etwas, das diese ganze Ordnung bis ins Fundament erschüttert.

Künstliche Intelligenz und Robotik beginnen genau jene Leistung zu übernehmen, mit der der Mensch bisher seinen Wert beweisen sollte. Maschinen schreiben, rechnen, analysieren und bauen. Tätigkeiten, für die Menschen Jahre gelernt und Jahrzehnte gearbeitet haben, verändern sich oder verschwinden.

Was wird aus Ihnen, wenn man Ihre Leistung nicht mehr braucht?

Wenn man Ihnen von Kindheit an beigebracht hat, dass Leistung Ihren Wert beweist, hört Ihr Verstand vielleicht: Eine Tätigkeit wird automatisiert.

Ihr fühlendes Wesen hört etwas anderes:

Ich werde nicht mehr gebraucht.

Mein Wert sinkt.

Mein Platz ist nicht sicher.

Ein Forschungsteam um die Wirtschaftsforscherin Ana Lucia Abeliansky untersuchte Daten deutscher Beschäftigter über 16 Jahre. Eine höhere Roboterdichte ging mit einer schlechteren psychischen Gesundheit einher. Dieser Zusammenhang lief vor allem über die Sorge um den Arbeitsplatz und das schwindende Gefühl, bei der Arbeit etwas zu leisten.

Der Absturz beginnt nicht erst, wenn Arbeitsplätze verschwinden. Er beginnt, sobald Menschen glauben, ihr Wert könne verschwinden.

Das ist die eigentliche Gefahr der künstlichen Intelligenz. Nicht, dass sie den Menschen entwertet. Sondern dass sie den Maßstab entwertet, an den wir den Menschen gekettet haben.

Nicht die Technik ist der Feind. Sie half mir, für dieses Buch ein Meer von Studien auszuwerten. Maschinen, die uns Plackerei abnehmen, könnten uns Lebenszeit zurückgeben. Für Kinder und Alte. Für Freundschaften. Für Aufgaben, bei denen ein Mensch einem anderen wirklich etwas bedeutet.

Für eine gesunde Gesellschaft wäre das Befreiung.

Für unsere ist es eine Identitätskrise.

Dieses Buch wird Ihnen deshalb keine zwölf Schritte geben. Keine Morgenroutine, keine Affirmation und keine neue Rolle, die Sie noch überzeugender spielen sollen.

Es wird etwas anderes tun.

Es wird zeigen, wie die Bedingungen Ihrer Zugehörigkeit entstanden sind. Wie sie in Ihre Gedanken und Ihren Körper gelangten. Warum Sie sich verbiegen, um dazuzugehören – und weshalb genau dieses Verbiegen Sie aus sich selbst vertreibt.

Die wissenschaftlichen Belege werden auf den folgenden Seiten nicht als Dekoration erscheinen, sondern als Beweismittel.

Nicht Sie stehen hier länger vor Gericht.

Vor Gericht steht jede Ordnung, die von einem Menschen Anpassung verlangt und ihm dafür Zugehörigkeit verspricht.

Dieses Buch beginnt deshalb nicht mit einer Aufgabe.

Es beginnt mit einem Freispruch.

Sie sind nicht das Problem.

Ihre Erschöpfung ist wirklich. Ihre Angst ist wirklich. Der Alarm in Ihrem Körper beweist nicht, dass Sie zu schwach für dieses Leben sind. Er zeigt, was dieses Leben von Ihnen verlangt.

Die Regeln sind erfunden. Der Schmerz ist echt.

Sie müssen nicht länger beweisen, dass Sie in diese Welt passen.

Von nun an muss diese Welt beweisen, dass sie dem Menschen gerecht wird.

Sie sind nicht kaputt. Sie sind nur nicht zu Hause.

Willkommen auf dem Weg nach Hause!

Von ganzem Herzen, Andreas Matthis

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Willkommen auf dem Weg nach Hause

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